Der Biss kommt hart und unerwartet. Ein gewaltiger Schlag. Instinktiv reiße ich die Rute hoch…hängt! Widerstand. Schon zerrt der Fisch Schnur von der Rolle… hoffentlich hält die Leine. Tragkraft 20 Kilo. Das müsste reichen. Das Bild vom riesigen Schädel eines Kapitalen taucht auf… Hemingway schießt mir durch den Kopf, ja dieser Kampf mit einem Giganten. In Gedanken schweife ich ab. Lag’s doch am neuen Köder. Ich hatte mir ja so eine Aal-Imitation aufschwatzen lassen. Farbe Magic Motor-Öl. Happige 34,90 Euro, neulich auf der Messe. Da kommst du ja aus dem Staunen nicht mehr raus. Staunen ist ja eigentlich was Gutes. Wer staunt, dem gehört die Welt. Der Stauferkönig Friedrich II. wurde das Staunen der Welt genannt. Damit wurden ganze Weltreiche zusammen gehalten. Mit dem Staunen beherrscht man also die Massen – zumindest habe ich diesen Eindruck bei Angelmessen. Da komm‘ ich ehrlich gesagt oft nicht aus dem … wobei manchmal ist es auch ein Wundern oder ein Kopfschütteln. Und dann stehe ich da am Futterstand und staune über einen 20 Kilo-Heilbutt-Pellet-Sack! Mit dem Staunen haben sie uns Angler in der Hand – kurz überlege ich, ob man jetzt schon im Meer anfüttert, verkneife mir aber die Frage an den geschätzt 17jährigen Verkäufer. Wer staunt, der kauft mehr! Weil er mehr fängt?
Köder-Wahnsinn aus Weichgummi im 3D-Design
Fakt ist, allein im deutschsprachigen Raum gibt es 49 Messen für Angler. Das heißt: jede Woche wo anders. Theoretisch. Stippermesse Bremen, Carpmeeting Speyer, Erlebniswelt Fliegenfischen Fürstenfeldbruck, Aqua Fisch Friedrichshafen, Magdeburger Meeresangeltage und so weiter. Mir ist nicht ganz klar, wer soll hier gefangen werden? Fischer oder Fische? Angesichts von hunderten von Händlern und tausenden Besuchern fange ich langsam an zu grübeln. Aber weiter. Am Nebentisch „der Köder-Wahnsinn“. Und eben mein Real-Eel. Der perfekte Weichgummi-Aal im 3D-Design fertig montiert mit Japan-Haken und Stahldraht-Vorfach. Mit abenteuerlichen Neuerfindungen werden vor allem die Einsteiger und Anfänger überlistet. Bei denen schnappt die Köder-Falle viel schneller zu. Wir alten Hasen haben einfach mehr Erfahrung. Vertrauen auch gewohnten Dingen. Und doch konnte ich die Finger nicht lassen von diesem Ding. Ich wollte es eben auch mal wissen. Und sehr viel abwegiger als eine schmutzige Aal-Attrappe irgendwo im Wasser trudeln zu lassen, sehr viel abwegiger konnte ich es mir kaum vorstellen. Andere benutzen zwar auch ungewöhnliche Köder. Aber deren Fang-Erfolg liegt oft daran, dass sie ausgetretene Wege verlassen. Die parken halt nicht da, wo’s nur noch ein paar Meter zum Wasser sind. Sondern angeln da, wo du ewig hinlaufen musst. Die sind bereit, Montagen in Frage zu stellen oder Wetterbedingungen. Und bei denen klappt’s dann auch mit dem neuen Köder.
Das Geräusch der Rollenbremse reißt mich wieder aus meinen Gedanken. Der Riese flüchtet erneut in die Tiefe. Zieht mir blitzschnell 50 Meter von der Rolle. Doch so plötzlich wie der Fisch zugeschnappt hat, so plötzlich erschlafft die Schnur, kein Widerstand mehr, es ist aus. Muss ein Trophäen-Fisch gewesen sein, denke ich. Rein vom Gewicht her… Mit zittrigen Beinen stehe ich da. Starre auf den großen PC-Bildschirm vor mir. Die Anzeige sagt: „Drill gestoppt, Fisch verloren, zurück“. Ich drehe mich um und gebe meine Rute weiter an den Mann hinter mir. Auch er will sein Glück am Drill-Simulator versuchen. Ich staune! Von einem sport-fishing-Simulator hatte ich bislang noch nichts gehört. An ihm können Messe-Besucher ihre Kräfte messen. Oder wie bei mir: den einzigen Kapitalen der Saison durch Schnurbruch verlieren.


